ab 10.9.2026

Lucia Tallová: Moving Clouds
Deutsche Bank "Artist of the Year" 2026

Die Deutsche Bank hat Lucia Tallová als „Artist of the Year“ 2026 ausgezeichnet. Aus diesem Anlass präsentiert das PalaisPopulaire in Berlin die erste institutionelle Einzelausstellung der 1985 geborenen slowakischen Künstlerin in Deutschland.

Lucia Tallová arbeitet an den Schnittstellen von Malerei, Collage, Assemblage und Skulptur. Ihre szenografisch anmutenden, oft raumfüllenden Installationen gleichen surrealen Tableaus. Sie beschäftigen sich mit Erinnerung, Ideologie, Kunstgeschichte, Klima und dem Erbe der Moderne. Tallová nimmt dabei eine feministische Perspektive ein und spürt vergessenen Geschichten von Frauen nach. Dabei entwickelt sie neue Formen des Erzählens und Archivierens. Sie arbeitet ausschließlich analog mit Medien wie Papier und Fotografie.

Der Titel von Tallovás Ausstellung Moving Clouds assoziiert Wolken, die unablässig über den Himmel ziehen und den stetigen Kreislauf von Werden und Vergehen verkörpern. „Moving“ meint in ihrem Werk auch eine emotionale, innere Bewegung: von der Welt berührt zu werden, von ihrer atemberaubenden Schönheit ebenso wie von ihrer grenzenlosen Zerstörung und Ausbeutung. In diesem Kontext thematisiert sie zugleich einen anderen Zyklus: den sich ewig wiederholenden Aufstieg und Verfall männlich dominierter Zivilisationen, Kulturen und Machtstrukturen. Tallovás Werke reflektieren auf unterschiedlichen Ebenen die sozialistische Vergangenheit und den Zusammenbruch des Ostblocks, den sie in seinen Nachwirkungen als Kind und Teenager erlebte.

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Das Material für ihre Arbeiten findet sie auf Flohmärkten und in Antiquariaten: in Bildbänden über die Spartakiade 1974, in Mode- und Filmmagazinen der 1950er- Jahre, in Büchern über die Tempel und Skulpturen der Klassischen Antike. Durch Schneiden, Schichten, Falten und Neukonfigurieren erschafft die Künstlerin Collagen, die immer auch eine skulpturale, objekthafte Qualität haben. Diese erweitert sie dreidimensional in den Raum. Sie lässt abstrakte Strukturen aus eingefärbtem, zerknülltem Papier aus ihren Collagen quellen oder kombiniert die Papierarbeiten mit Möbelfragmenten, Holzkohle, Ästen und Steinen zu Assemblagen. Dabei wählt sie bewusst Materialien aus, die eine Patina oder kleine Schäden haben und Spuren von Abnutzung in sich tragen. Dem liegt ein ebenso poetischer wie materialistischer Gedanke zugrunde: dass in jede Form von Materie, in jedes Material – sei es belebt oder unbelebt – Geschichte eingeschrieben ist.

Tallovás Arbeitweise lässt sich wie die einer Archäologin beschreiben: als eine Art künstlerische Forensik, die Erzählungen aufspürt und miteinander in Beziehung setzt. Malerei ist dabei ein wesentliches Element ihrer Praxis. Die abstrakten Kompositionen, die die Künstlerin mit schwarzer Acrylfarbe und Tinte auf Leinwand entwirft, erinnern an Landschaften, Wolken- oder  Ascheformationen. Oft kombiniert sie diese Gemälde mit bühnenartigen, reduzierten Konstruktionen aus Holzlatten, die an Archive, Schaulager oder Wunderkammern denken lassen.

In Tallovás künstlerischer Praxis geht es nicht nur um das Erinnern, sondern auch darum, was vergessen und verdrängt wird. In ihrem Kosmos ist das vor allem die Geschichte von Frauen: Arbeiterinnen, Sportlerinnen und Models, deren Leistungen und Leben nicht in den männlich dominierten Kanon der Moderne und Nachkriegsmoderne eingeschrieben wurden. Die Collagen und Assemblagen sind von weiblichen Körpern und Körperteilen bevölkert, die mit allen möglichen, von Männern entworfenen und gebauten Architekturen und Denkmälern verwachsen. Frauen müssen sich durch die Jahrhunderte verformen, um buchstäblich die Last männlich geprägter Geschichte und Ideologien zu tragen.

Besonders deutlich wird dies in der Installation Fragility of Caryatid (2025). Diese besteht aus einer Gruppe verbogener ionischer Säulen, in die posterartige Bilder antiker Frauenskulpturen, meist Torsos ohne Kopf, geklemmt sind. Tallová spielt damit auf die in der antiken Architektur und Bildhauerei verkörperten Geschlechtsmetaphern an. Karyatiden sind weibliche Skulpturen mit tragender Funktion in der Architektur, die anstelle einer Säule oder eines Pfeilers eingesetzt werden. Anders als die männlichen Atlanten tragen sie das Gewicht mit Anmut, ohne ihre körperliche Anstrengung zu zeigen. In Tallovás Version finden sie sich nicht damit ab.

Auch wenn die Künstlerin mit der Idee spielt, dass Geschichte sich in verschiedenen Variationen in denselben Zyklen wiederholt, hat ihre Arbeit etwas Anarchisches und Widerständiges. Dem Monolithischen und Monumentalen steht die fragmentarische Utopie einer weiblichen, nichthierarchischen Geschichte gegenüber. Eine Welt, in der alles zusammenhängt und voneinander abhängt, in deren Kreisläufen sich nicht immer wieder die Härten und Gewaltakte der Vergangenheit wiederholen, sondern eine Zukunft für unseren Planeten sichtbar wird.

Kuratorin: Britta Färber, Leiterin, Kunst und Kultur, Deutsche Bank

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Im Fokus der Auszeichnung „Artist of the Year“, die 2010 ins Leben gerufen wurde, stehen vielversprechende Künstlerinnen und Künstler, die bereits ein künstlerisch und gesellschaftlich relevantes Werk geschaffen haben, das die beiden Schwerpunkte der Sammlung Deutsche Bank integriert: Arbeiten auf Papier und Fotografie. Seit 2023 nominiert eine im zweijährigen Turnus wechselnde Persönlichkeit aus der globalen Kunstwelt Künstler*innen für die Auszeichnung der Bank. Nach Stephanie Rosenthal übernimmt diese Rolle nun ArtReoriented.

Sam Bardaouil und Till Fellrath sind Gründer dieser multidisziplinären kuratorischen Plattform und Leiter des Hamburger Bahnhofs – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin. Sie sind international anerkannte Kuratoren und preisgekrönte Autoren, deren gemeinsame Praxis sowohl in der globalen zeitgenössischen Kunst verwurzelt ist. Nach der Lyon Biennale in 2022 kuratierten sie im Jahr 2025 gemeinsam die Taipeh Biennale.

Mehr zur Auszeichnung Deutsche Bank „Artist of the Year" hier.

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Bühnenbild: Lucia Tallová, Foto: Miro Nota