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Lawrence Weiner, THE GRACE OF GESTURE, 2010

Informationen

1969 läutete der US-Künstler Lawrence Weiner mit drei Statements eine Zeitenwende in der Kunst ein:

  1. Der Künstler kann die Arbeit realisieren.
  2. Die Arbeit kann von anderen hergestellt werden.
  3. Die Arbeit braucht nicht ausgeführt zu werden.

Die Vorstellung, dass Idee und Konzept ebenso wichtig sind wie das Werk, traf nach 1968 den Nerv einer politisierten Generation. Schon Anfang der 1960er-Jahre hatte die Minimal Art gegen den Abstrakten Expressionismus opponiert – mit der radikalen Reduktion auf geometrische Grundformen, industrielle Materialien, serielle Anordnungen und den Verzicht auf persönliche Handschrift. Das Ziel war eine objektive, raumbezogene Kunst. Doch die war inzwischen in ihrer Reinheit erstarrt. Man wollte raus aus Ateliers und Galerien, weg von traditionellen Kunstwerken – hinein in die Gesellschaft, in den öffentlichen und sozialen Raum. Dabei spielten Text, Konzept, Form und Grafik eine enorme Rolle.

Weiners Arbeit in der Rotunde heißt THE GRACE OF A GESTURE. „Grace“ kann Gnade oder Anmut bedeuten, oder aber auch eine Form von Großzügigkeit. Und „Gesture“, das kann eine taktile, zeichenhafte oder zwischenmenschliche Geste sein. Weiners Werk ist alles zugleich – keine fixierte Arbeit, sondern ein „Kommunikationssystem“. Man kann es ausdrucken, in verschiedene Sprachen, Räume, Erfahrungen „übersetzen“. 2013 ließ Weiner diese Arbeit anlässlich einer Ausstellung der Written Art Collection im Rahmen der Kunstbiennale in Venedig in die am häufigsten gesprochenen internationalen Sprachen der touristischen Stadt übersetzen. Einige Folien wurden an Wasserbusse montiert und fuhren über die Kanäle. Was entstand, war eine temporäre, konzeptionelle Form von Poesie. Sie bezog dabei für Momente die gesamte Stadt, das Licht, das Wasser, die Menschen, die Schrift, die Sprachen, die Farben, Orte und den Zufall mit ein.

Die Arbeit von Lawrence Weiner eröffnet die Ausstellung Seeing Words, Reading Images. Für die Präsentation im PalaisPopulaire wurde die Arbeit in die zehn Sprachen der an der Ausstellung beteiligten Künstler*innen übersetzt: Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Farsi, Französisch, Hebräisch, Japanisch, Polnisch und Türkisch.


Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.

Lawrence Weiner, THE GRACE OF GESTURE, 2010
Sprache + die Materialien, auf die sie sich bezieht
© Lawrence Weiner Estate/VG Bild-Kunst Bonn 2026, Photo: Mathias Schormann
Written Art Collection

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