Historische Gewalt Für viele Kunst- und Kulturschaffende war die chinesische Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 eine existenzielle Katastrophe mit traumatischen Auswirkungen. Nicht nur wurde der Kontakt zu westlicher Kunst vollständig unterbunden, die Säuberungen in der bürgerlichen, kapitalistisch geprägten Schicht führten besonders in der Kulturwelt zu öffentlichen Prozessen, Hinrichtungen und unzähligen Massakern.
Ein paradoxes kulturelles Aufblühen Yang Jiechang, der 1956 geboren wurde, erlebte während der Kulturrevolution ein paradoxes kulturelles Aufblühen. Als Anführer seiner Rotgardisten-Einheit konnte er entscheiden, welche Bücher aufbewahrt, zensiert, verbrannt oder an die Fabriken verteilt wurden. Er hatte das Privileg klassisches Chinesisch zu erlernen, und begann am Volkskunstinstitut in Foshan chinesische Tuschemalerei und Kalligrafie zu studieren.
Magier der Erde In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren studierte er an der Kunstakademie Guangzhou, wo er durch Vorträge und Kunstzeitschriften erstmals mit westlicher Kunst in Berührung kam. 1989 wurde er ausgewählt, an Magiciens de la Terre im Centre Georges Pompidou in Paris teilzunehmen, einer wegweisenden internationalen Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die den Fokus allerdings noch aus einer eher eurozentrischen Perspektive auf globale Kunstlandschaften richtete.
Rückbesinnung auf die traditionelle chinesische Kunst Die Werke, die Yang mitgebracht hatte, wurden jedoch alle an der Grenze in Shenzhen beschlagnahmt. In Paris plötzlich mit einer verwirrenden Vielfalt an Künstler*innen und Praktiken konfrontiert, beschloss Yang, sich auf die grundlegenden Materialien und Verfahren der traditionellen chinesischen Kunst zurückzubesinnen. Tag für Tag trug er schwarze chinesische Tusche und Alaun in Schichten auf große Blätter Xuan-Papier auf, ein geschmeidiges Material, das normalerweise für chinesische Kalligrafie und Malerei verwendet wird.
Meditativer Prozess Er wiederholte diesen Prozess auf jedem Blatt, bis es gesättigt und dreidimensionaler wurde, und spannte es anschließend auf die Leinwand. Durch die Kombination traditioneller chinesischer und europäischer Mal- und Aufspanntechniken und den Einsatz von Alaun, einem Salz, das die Saugfähigkeit des Papiers reguliert und den Tuscheauftrag erleichtert, gelang es Yang, das Papier mit hundert Schichten von Tusche zu überziehen. Zusammen erzeugen diese Materialien eine schwarze, strukturierte Oberfläche, die besonders glänzend und leuchtend wirkt, wenn sie so oft übermalt wird.
Licht aus der Schwärze Die großen monochromen quadratischen Gemälde, die der amerikanischen Farbfeldmalerei der 1940er- und 1950er-Jahre ähneln, machten Yang international berühmt. Die Serie nahm den performativen Einsatz von Tusche, die monotone Wiederholung und andere Strategien vorweg, die heute in der chinesischen Gegenwartskunst geläufig sind. Die Technik der vielfachen, sich wiederholenden Tuscheaufträge steht auch im Zusammenhang mit Yangs Beschäftigung mit Zen-Buddhismus und Taoismus. Der Prozess wird zu einer Art Meditation. Das Bild hat etwas extrem Körperliches, wie eine geologische Formation, deren Schichten eine Landschaft mit einer schimmernden Oberfläche bilden, die Licht aus der Schwärze hervorbringt.
Informationen
Historische Gewalt
Für viele Kunst- und Kulturschaffende war die chinesische Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 eine existenzielle Katastrophe mit traumatischen Auswirkungen. Nicht nur wurde der Kontakt zu westlicher Kunst vollständig unterbunden, die Säuberungen in der bürgerlichen, kapitalistisch geprägten Schicht führten besonders in der Kulturwelt zu öffentlichen Prozessen, Hinrichtungen und unzähligen Massakern.
Ein paradoxes kulturelles Aufblühen
Yang Jiechang, der 1956 geboren wurde, erlebte während der Kulturrevolution ein paradoxes kulturelles Aufblühen. Als Anführer seiner Rotgardisten-Einheit konnte er entscheiden, welche Bücher aufbewahrt, zensiert, verbrannt oder an die Fabriken verteilt wurden. Er hatte das Privileg klassisches Chinesisch zu erlernen, und begann am Volkskunstinstitut in Foshan chinesische Tuschemalerei und Kalligrafie zu studieren.
Magier der Erde
In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren studierte er an der Kunstakademie Guangzhou, wo er durch Vorträge und Kunstzeitschriften erstmals mit westlicher Kunst in Berührung kam. 1989 wurde er ausgewählt, an Magiciens de la Terre im Centre Georges Pompidou in Paris teilzunehmen, einer wegweisenden internationalen Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die den Fokus allerdings noch aus einer eher eurozentrischen Perspektive auf globale Kunstlandschaften richtete.
Rückbesinnung auf die traditionelle chinesische Kunst
Die Werke, die Yang mitgebracht hatte, wurden jedoch alle an der Grenze in Shenzhen beschlagnahmt. In Paris plötzlich mit einer verwirrenden Vielfalt an Künstler*innen und Praktiken konfrontiert, beschloss Yang, sich auf die grundlegenden Materialien und Verfahren der traditionellen chinesischen Kunst zurückzubesinnen. Tag für Tag trug er schwarze chinesische Tusche und Alaun in Schichten auf große Blätter Xuan-Papier auf, ein geschmeidiges Material, das normalerweise für chinesische Kalligrafie und Malerei verwendet wird.
Meditativer Prozess
Er wiederholte diesen Prozess auf jedem Blatt, bis es gesättigt und dreidimensionaler wurde, und spannte es anschließend auf die Leinwand. Durch die Kombination traditioneller chinesischer und europäischer Mal- und Aufspanntechniken und den Einsatz von Alaun, einem Salz, das die Saugfähigkeit des Papiers reguliert und den Tuscheauftrag erleichtert, gelang es Yang, das Papier mit hundert Schichten von Tusche zu überziehen. Zusammen erzeugen diese Materialien eine schwarze, strukturierte Oberfläche, die besonders glänzend und leuchtend wirkt, wenn sie so oft übermalt wird.
Licht aus der Schwärze
Die großen monochromen quadratischen Gemälde, die der amerikanischen Farbfeldmalerei der 1940er- und 1950er-Jahre ähneln, machten Yang international berühmt. Die Serie nahm den performativen Einsatz von Tusche, die monotone Wiederholung und andere Strategien vorweg, die heute in der chinesischen Gegenwartskunst geläufig sind. Die Technik der vielfachen, sich wiederholenden Tuscheaufträge steht auch im Zusammenhang mit Yangs Beschäftigung mit Zen-Buddhismus und Taoismus. Der Prozess wird zu einer Art Meditation. Das Bild hat etwas extrem Körperliches, wie eine geologische Formation, deren Schichten eine Landschaft mit einer schimmernden Oberfläche bilden, die Licht aus der Schwärze hervorbringt.
Audio
Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
Yang Jiechang, 100 Layers of Ink, 1992-1994
Tusche auf Papier
© Yang Jiechang
Sammlung Deutsche Bank
Weitere Werke aus dieser Ausstellung
Einführung in die Ausstellung
100
Einführung in die Ausstellung
Lawrence Weiner, THE GRACE OF GESTURE, 2010
101
Lawrence Weiner, THE GRACE OF GESTURE, 2010
On Kawara, JUNE 1, 1967, 1967
102
On Kawara, JUNE 1, 1967, 1967
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Karin Sander, wordsearch, 2002
103
Karin Sander, wordsearch, 2002
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Etel Adnan, The Linden Tree Poems, 2019
104
Etel Adnan, The Linden Tree Poems, 2019
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Natalie Czech, A poem by Repetition by Emmett Williams, 2013
105
Natalie Czech, A poem by Repetition by Emmett Williams, 2013
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Herta Müller, Papiercollagen, 2012
106
Herta Müller, Papiercollagen, 2012
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Marcel Dzama, Ulysses, 2009
107
Marcel Dzama, Ulysses, 2009
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Claudia Comte, Cecilia (interview painting), 2021
108
Claudia Comte, Cecilia (interview painting), 2021
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Slavs and Tatars, Molla Nasreddin the antimodern, 2012
109
Slavs and Tatars, Molla Nasreddin the antimodern, 2012
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Yinka Shonibare CBE, The African Library Collection (Poets), 2022
110
Yinka Shonibare CBE, The African Library Collection (Poets), 2022
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Larissa Fassler, Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked like a racetrack), 2009
111
Larissa Fassler, Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked like a racetrack), 2009
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Joseph Beuys, Initiation Gauloise, 1976
112
Joseph Beuys, Initiation Gauloise, 1976
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Qiu Zhijie, 24 World Maps, 2015-2017
113
Qiu Zhijie, 24 World Maps, 2015-2017
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Agathe Snow, Walls, 2010
114
Agathe Snow, Walls, 2010
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
William Kentridge, Anti-Mercator, 2010-2011 & Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
115
William Kentridge, Anti-Mercator, 2010-2011 & Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Meschac Gaba, Museum of Contemporary African Art in Berlin, 2014
116
Meschac Gaba, Museum of Contemporary African Art in Berlin, 2014
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Wong Hoy Cheong, Study for Colonies Bite Back, 2001
117
Wong Hoy Cheong, Study for Colonies Bite Back, 2001
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Ellen Gallagher, La Chinoise, 2008
118
Ellen Gallagher, La Chinoise, 2008
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Mounira Al Solh, His Funeral, Our Funeral, Their Funeral, 2023
120
Mounira Al Solh, His Funeral, Our Funeral, Their Funeral, 2023
Kapitel: Home of My Eyes - Heimat und Exil
Shirin Neshat, Home of My Eyes, 2015
121
Shirin Neshat, Home of My Eyes, 2015
Kapitel: Home of My Eyes - Heimat und Exil
Viviane Sassen, Code/Blue, 2019
122
Viviane Sassen, Code/Blue, 2019
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Jenny Holzer, Redaction Paintings, 2005-2008
123
Jenny Holzer, Redaction Paintings, 2005-2008
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Osman Bozkurt, Marks of Democracy / Portraits of the Voters, 2002
124
Osman Bozkurt, Marks of Democracy / Portraits of the Voters, 2002
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Annette Kelm, Jeans Buttons, 2023
125
Annette Kelm, Jeans Buttons, 2023
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Mounira Al Solh, Sama'/Ma'as (Ba'ath), 2014
126
Mounira Al Solh, Sama'/Ma'as (Ba'ath), 2014
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Charles Hossein Zenderoudi, Chucavira, 1985
127
Charles Hossein Zenderoudi, Chucavira, 1985
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Siah Armajani, Panje Tan, 1960
128
Siah Armajani, Panje Tan, 1960
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Ahmed Mater, Sajdah Illumination, 2009
130
Ahmed Mater, Sajdah Illumination, 2009
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Imi Knoebel, Bleistiftzeichnung, o.T., 1972
131
Imi Knoebel, Bleistiftzeichnung, o.T., 1972
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Yūichi Inoue, TORI, 1976
132
Yūichi Inoue, TORI, 1976
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Rebecca Horn, Seelenfenster (Painting with Sculpture “Zimbel Zen”), 2012
134
Rebecca Horn, Seelenfenster (Painting with Sculpture “Zimbel Zen”), 2012
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Shiryū Morita, KI (JU), 1989
135
Shiryū Morita, KI (JU), 1989
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre