GALLI

Informationen

Standort Galerie 1
Künstlerin

Galli

Titel Galli – Seht zu, wie ihr zurechtkommt
Technik
Copyright

© Galli, Foto Hedwigis von Fürstenberg, 1982 

Kunstwerk Nr. AW100

Die Künstlerin Galli wurde 1944 in Heusweiler im Saarland geboren. Nach der Grundlehre an der Werkkunstschule in Saarbrücken bei Oscar Holweck, zog sie 1969 nach Berlin und studierte bei dem der Cobra-Gruppe nahestehenden niederländischen Künstler und Grafiker Martin Engelmann, dessen Meisterschülerin sie später wurde. Galli kam nach Berlin, als der Geist der 68er-Bewegung noch in der Luft lag – Provokation, Aufbruch und Umbruch waren nicht nur im Umfeld der Hochschule zu spüren. Anfang der 1980er-Jahre entwickelte sich in Deutschland und Österreich die Strömung der Neuen Wilden, einer hauptsächlich von Männern dominierten Gruppierung, der Galli oftmals voreilig zugeordnet wird, von der sie sich aber in ihrer Malerei bewusst distanzierte. Insbesondere von jener Gruppierung im wahlheimatlichen Berlin, den sogenannten Moritzboys, die sich vorrangig künstlerisch dem Nachtleben, den zeitgenössischen Szenen der Stadt und auch der Punk- und Wave-Bewegung verschrieben hatten und ihre Inspiration aus dem deutschen Expressionismus zogen. Gallis Werk stützt sich auf weitaus allgemeinere, universelle Themen aus Literatur, Sprache, Lyrik, Kunstgeschichte, Mythologie und Religion sowie auf die Aneignung von Wortfragmenten aus flüchtig wahrgenommenen Konversationen oder Radiobeiträgen.

Ihre Untersuchungen existentieller und körperlicher Erfahrungen verflechten das Häusliche und das Weltliche, das Alltägliche und das Mythologische, das Konventionelle und das rebellisch Anarchistische, das Banale und das Fantastische ihrer ungebändigten Vorstellungskraft. Die Ausstellung, kuratiert von Annabell Burger, präsentiert rund fünfzig Werke, die zwischen 1985 und 2015 entstanden sind. Darunter selten gezeigte Künstlerinnenbücher und Zeichnungen sowie Gemälde aus Gallis produktivsten Jahren. Die Schau unterstreicht durch die thematische Setzung innerhalb fünf wichtiger Werkgruppen ganz bewusst das Narrative und die grafische Qualität im Werk der Künstlerin. Zeichnerische und malerische Spontanität, sowie ein expressiver Farbgestus charakterisieren Gallis allegorische Untersuchungen existenzieller und körperlicher Gefühls- und Erfahrungsräume.

Kuratorisch relevant waren für Annabell Burger die Gruppe der rund 80 Zeichnungen auf Karteikarten, deren Vorder- und Rückseiten einen Einblick in die wichtigsten Themen des gesamten Werks geben.

Neben Gemälden, Zeichnungen und Collagen entstanden über die Jahre auch zahlreiche Künstlerinnenbücher. Die dicht mit Zeichnungen gefüllten Bücher, die – oftmals mit der Schere bearbeitet – geradezu seziert wurden und sich einerseits durch eilige Gestik, andererseits durch unermüdliche Geduld auszeichnen, erinnern an visuelle Tagebücher. Obwohl nicht unmittelbar als Studien für ihre Gemälde gedacht, zeigen die Bücher doch ein ausgeprägtes Interesse an Erzählung, Komposition und Sprache und eröffnen einen Einblick in den motivischen Kosmos ihrer großformatigen Arbeiten. Wie ein roter Faden ziehen sich Ambivalenzen durch das gesamte Werk: Beschädigungen, Abhängigkeiten, Ängste, Lust, Last, Trauer, Scham, Träume, Traumata. Galli entwickelte früh eine Malerei, die Nachrichten eines Schmerzlebens übermittelt und von Ambivalenzen des menschlichen Seins gekennzeichnet ist. Gekonnt verweist sie immer wieder auf Referenzen der klassischen Moderne und führt ihre Figuren gleichzeitig in die Gegenwart künstlerischer und gesellschaftlicher Überlegungen. Unermüdlich wird der Körper als Identitätsträger malerisch aufs Neue befragt. Ihre Körperbilder zeigen amorphe figurative Gestalten, teils nur fragmentarisch angedeutete Elemente, die in einer späteren Phase durch Objekte des täglichen Lebens ergänzt oder gar vollständig ersetzt werden. Pilze, Tassen, Häuser, Bäume, Kannen treten in Erscheinung und werden malerisch vereinzelt zum Leben erweckt. Trotz der neuen Bildlichkeit und Formsprache bleibt der Körper ihr zentrales Thema. Sein ambivalentes Bild als Behausung und Schutzraum, aber auch als Begrenzung und Gefängnis steht nach wie vor im Vordergrund – ein mögliches künstlerisches Korrektiv gesellschaftlichen Denkens, der Andersartigkeit zuzulassen.

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