Durchbruch mit 87 Jahren Etel Adnan lebte in Kalifornien und unterrichtete als Dozentin Kunstphilosophie. Weil sie gefragt wurde, wie sie über etwas sprechen könne, dass sie nicht praktizierte, begann sie 1959 zu malen. Und hörte nie wieder auf. Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren war sie eine gefeierte Schriftstellerin, Essayistin, Dichterin und Dramatikerin, die sich mit den Traumata von Vertreibung und Krieg beschäftigte. Sie schrieb wichtige Teile des Librettos von the CIVIL warS, der Oper ihres Freundes Robert Wilson. Adnan verfasste über zwanzig Bücher. Doch es sollte bis 2012 dauern, als ihre Kunst auf der documenta 13 gezeigt wurde, dass sie, fast über Nacht, als Malerin weltberühmt wurde. Da war sie 87 Jahre alt.
Zwischen den Sprachen und Kulturen Adnan, die 2021 starb, passte weder in ihrer Kunst, die zwischen Literatur und Malerei oszillierte, noch in ihrem nomadischen Leben in klare Kategorien. Geboren wurde sie 1925 in Beirut als Tochter einer Griechin und eines Syrers, und wuchs in einer Arabisch sprechenden Umgebung auf. Sie besuchte in Beirut die katholische französische Mädchenschule, ihre erste literarische Sprache war das Französisch. 1949 ging sie nach Paris, um Philosophie zu studieren, dann in die USA nach Berkeley und Harvard, arbeitete als Dozentin. 1972 kehrte sie in den Libanon zurück, um für Zeitungen zu schreiben, ging wegen des Bürgerkriegs 1976 wieder nach Paris und dann nach Kalifornien. Zuletzt lebte mit ihrer Partnerin, der syrischen Künstlerin Simone Fattal, in Paris und in der Bretagne.
Apokalypse und Hoffnung Adnan war immer politisch engagiert, schrieb poetisch, aber schonungslos. Ihr berühmtestes Buch, ein Gedichtzyklus, der als Reaktion auf den libanesischen Bürgerkrieg entstand, heißt Arabische Apokalypse (1980). Er verbindet Lyrik mit Zeichnung und Gesten und beschreibt eine aus den Fugen geratene Welt. Ihre abstrakte, farbfeldartige Malerei bewegt sich wie ihre Dichtung zwischen den Kulturen. Doch sie wirkt heiterer, wie ein eigenwilliger Nachhall der Moderne von Kasimir Malewitsch, Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Agnes Martin.
Leporellos Und immer entstanden Leporellos, in denen Schrift, Zeichen, Malerei und Linien zu einem poetischen Strom zusammenfließen, aus dem Farben wie Wimpel ragen. „lch mag das Fließen, das offensichtlich Grenzenlose, das Flussähnliche dieser langen, sich entfaltenden Papiere“, sagte Adnan. Zunächst benutzte sie Leporellos, um arabische Gedichte zu erlernen, die sie von Hand kopierte. Später begann sie dann, auch englische Originaltexte in ihre Arbeiten aufzunehmen.
Die Liebe zur Welt „Meine Malerei spricht von meiner Liebe zur Welt, dem Glück, einfach nur zu existieren, der Liebe zur Natur und zu den Kräften, die die Landschaft formen“, sagte Adnan. Das Thema der documenta 13, die sie berühmt machte, war ein neues Verhältnis zur Erde und zur Natur, bei dem nichtmenschliche Lebensformen ein gleichwertiges Bewusstsein haben, eine eigene Geschichte. Davon erzählen auch The Linden Tree Poems, die wie all ihre Gedichte von menschlicher Zerrissenheit durchdrungen sind und von den wiederkehrenden Manifestationen von Landschaft und Natur: den Jahreszeiten, Pflanzen, Ameisen, Schmetterlingen, Vögeln, Bergen, dem Meer, dem Himmel, Dunkelheit und Licht.
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Durchbruch mit 87 Jahren
Etel Adnan lebte in Kalifornien und unterrichtete als Dozentin Kunstphilosophie. Weil sie gefragt wurde, wie sie über etwas sprechen könne, dass sie nicht praktizierte, begann sie 1959 zu malen. Und hörte nie wieder auf. Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren war sie eine gefeierte Schriftstellerin, Essayistin, Dichterin und Dramatikerin, die sich mit den Traumata von Vertreibung und Krieg beschäftigte. Sie schrieb wichtige Teile des Librettos von the CIVIL warS, der Oper ihres Freundes Robert Wilson. Adnan verfasste über zwanzig Bücher. Doch es sollte bis 2012 dauern, als ihre Kunst auf der documenta 13 gezeigt wurde, dass sie, fast über Nacht, als Malerin weltberühmt wurde. Da war sie 87 Jahre alt.
Zwischen den Sprachen und Kulturen
Adnan, die 2021 starb, passte weder in ihrer Kunst, die zwischen Literatur und Malerei oszillierte, noch in ihrem nomadischen Leben in klare Kategorien. Geboren wurde sie 1925 in Beirut als Tochter einer Griechin und eines Syrers, und wuchs in einer Arabisch sprechenden Umgebung auf. Sie besuchte in Beirut die katholische französische Mädchenschule, ihre erste literarische Sprache war das Französisch. 1949 ging sie nach Paris, um Philosophie zu studieren, dann in die USA nach Berkeley und Harvard, arbeitete als Dozentin. 1972 kehrte sie in den Libanon zurück, um für Zeitungen zu schreiben, ging wegen des Bürgerkriegs 1976 wieder nach Paris und dann nach Kalifornien. Zuletzt lebte mit ihrer Partnerin, der syrischen Künstlerin Simone Fattal, in Paris und in der Bretagne.
Apokalypse und Hoffnung
Adnan war immer politisch engagiert, schrieb poetisch, aber schonungslos. Ihr berühmtestes Buch, ein Gedichtzyklus, der als Reaktion auf den libanesischen Bürgerkrieg entstand, heißt Arabische Apokalypse (1980). Er verbindet Lyrik mit Zeichnung und Gesten und beschreibt eine aus den Fugen geratene Welt. Ihre abstrakte, farbfeldartige Malerei bewegt sich wie ihre Dichtung zwischen den Kulturen. Doch sie wirkt heiterer, wie ein eigenwilliger Nachhall der Moderne von Kasimir Malewitsch, Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Agnes Martin.
Leporellos
Und immer entstanden Leporellos, in denen Schrift, Zeichen, Malerei und Linien zu einem poetischen Strom zusammenfließen, aus dem Farben wie Wimpel ragen. „lch mag das Fließen, das offensichtlich Grenzenlose, das Flussähnliche dieser langen, sich entfaltenden Papiere“, sagte Adnan. Zunächst benutzte sie Leporellos, um arabische Gedichte zu erlernen, die sie von Hand kopierte. Später begann sie dann, auch englische Originaltexte in ihre Arbeiten aufzunehmen.
Die Liebe zur Welt
„Meine Malerei spricht von meiner Liebe zur Welt, dem Glück, einfach nur zu existieren, der Liebe zur Natur und zu den Kräften, die die Landschaft formen“, sagte Adnan. Das Thema der documenta 13, die sie berühmt machte, war ein neues Verhältnis zur Erde und zur Natur, bei dem nichtmenschliche Lebensformen ein gleichwertiges Bewusstsein haben, eine eigene Geschichte. Davon erzählen auch The Linden Tree Poems, die wie all ihre Gedichte von menschlicher Zerrissenheit durchdrungen sind und von den wiederkehrenden Manifestationen von Landschaft und Natur: den Jahreszeiten, Pflanzen, Ameisen, Schmetterlingen, Vögeln, Bergen, dem Meer, dem Himmel, Dunkelheit und Licht.
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Etel Adnan, The Linden Tree Poems, 2019
Tinte, Pastellkreide und Aquarell auf Papier
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Courtesy the Artist and Sfeir-Semler Gallery
Written Art Collection
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