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Claudia Comte, Cecilia (interview painting), 2021

Kapitel: Ulysses - Narration und Identität

Informationen

Reduzierte Strukturen, musikalische Heiterkeit
Comtes monochrom in Pastellfarben, Pink, mintgrün, hellblau gestrichene „Interview-Bilder“ sind überzogen mit minimalistischen, grafischen Linienmustern, Rhomben, Zacken, Kreisen, Schlangenlinien, die an Serpentinen oder Rennstrecken erinnern. Das könnten Schnittbögen sein oder reduzierte, fast architektonische Strukturen, die man von einer Drohne hoch oben im Himmel oder auf einem Bildschirm sieht, Linien auf Feldern, kreisrunde Becken oder Silos, oder einfach Fragmente von Diagrammen. Zugleich haben diese Bilder eine fast musikalische Heiterkeit, etwas von Notationen und Kompositionen.

Interviews mit prominenten Akteurinnen und Akteuren
Und tritt man näher, sieht man, dass es sich um Wortbänder handelt, aus denen Sätze hervorblitzen: „We see the disappearance of species“ oder „Because I didn’t know what to do after getting a degree“. Diese Wortbänder werden in den geometrischen, ornamentalen Mustern immer wieder abgeschnitten, überkreuzen oder drehen sich im Kreis, als hätten die Worte keinen Inhalt, sondern wären lediglich wie Material, aus dem Linien und Muster geformt werden. Tatsächlich handelt es sich bei dem Textmaterial um Auszüge von Interviews, die Comte im Laufe von 15 Jahren mit prominenten Kuratorinnen und Kuratoren geführt hat, darunter mit Hans Ulrich Obrist und Koyo Kouoh, der jüngst verstorbenen künstlerischen Leiterin der Biennale in Venedig, oder Cecilia Alemani, die die Biennale 2022 geleitet hat. Ihr ist auch das Bild Cecilia in der Ausstellung gewidmet.

Abbilder von Netzwerken
Dass die Titel nur aus den Vornamen bestehen, spielt auf eine Gewohnheit in der Kunstwelt an, weltberühmte Akteur*innen nur mit dem Vornamen zu nennen, um Nähe und Insider-Wissen zu demonstrieren: Natürlich, der Hans Ulrich! Comtes Bilder können als abstrakte Porträts dieser Personen gelesen werden oder als Abbilder eines Netzwerkes. Und diese Insiderstrukturen der Kunstwelt reihen sich in Comtes minimalistischen Kosmos ein, in dem ganze Landschaften, Bäume und Pflanzen zu Mustern, Wellen, Icons reduziert und abstrahiert werden.

Abstrakte Sprachmuster
Vor allem beschäftigt sich Comte mit Skulpturen in der Landschaft, glattgeschliffenen Astformen aus Holz, Kakteen aus Beton, die sie auch im Meer versenkt und auf eine Unterwasser-Wüste reduziert. Die wandelnden Muster, die sie inspirieren, stammen gleichermaßen aus der Natur und einer von digitalen Erfahrungen geprägten Gesellschaft und werden in zum Teil monumentale Umweltinstallationen transformiert. Comtes Arbeiten untersuchen aktuelle Themen wie Klimawandel, Ökologie und globale Umweltverschmutzung. Gleichzeitig sind sie oft das Ergebnis meditativer, handwerklicher und konzeptioneller Arbeit, mit der die Künstlerin Materialien recycelt und in neue formale Kontexte „übersetzt“, wie auch diese Gespräche aus der Ökosphäre der Kunst, die sich als abstrakte Sprachmuster mitteilen.

Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.

Claudia Comte, Cecilia (interview painting), 2021
Acryl auf Leinwand, Plexiglastafel, Buntstift auf Papier in Plexiglas
© Claudia Comte. Foto: Conradin Frei
Written Art Collection

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