111
Larissa Fassler, Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked like a racetrack), 2009

Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf

Informationen

Die unspektakulären Aspekte der Stadt
Als Kartografie von alltäglichen, urbanen Orten fokussieren sich die Werke der kanadischen Künstlerin Larissa Fassler auf die scheinbar unspektakulären Aspekte der Städte – so wie sie täglich von ihren Bewohner*innen erfahren werden. Fasslers Arbeiten beruhen auf unzähligen Begehungen, Fotodokumentationen, historischen und architektonischen Recherchen, die dann in Skulptur und Zeichnung umgesetzt werden. Ihre Aufmerksamkeit gilt U-Bahnstationen, Straßen, Verkehrswegen und Plätzen, die aus bürokratischem, ökonomischem oder politischem Pragmatismus entstanden sind – und nicht aus gestalterischen oder sozialen Gründen. Während Fassler konventionelle Mittel architektonischer Darstellung, wie Modelle, Pläne, Auf- und Grundrisse nutzt, um diese Orte wiederzugeben, unterscheidet sich ihre Arbeit von der üblichen Vorgehensweise von Stadtplaner*innen oder Architekt*innen.

Ideologie und Stadtplanung
So werden die eigene Schrittlänge oder die unterschiedliche Dichte von Graffitis, Plakaten, Stickern und Passanten zum architektonischen Maßstab für Fasslers „Mindmaps“. Mit der 2009 entstandenen Arbeit Regent Street / Regent’s Park (Dickens thought it looked like a racetrack) untersucht sie anhand eines historischen Beispiels aus dem 19. Jahrhundert, wie erstmals die Bewegungsfreiheit des Individuums begünstigt und durch die Architektur kollektive Bewegungen und Zusammenkünfte einschränkt wurden. Dabei interessiert sie, wie sich die Ideologie in der Stadtplanung niederschlägt.

Rennbahn gegen Arbeiterprotest
Ganz bewusst wurde die Regent’s Street mit ihrer breiten, befahrenen Straße und eher schmalen Bürgersteigen, die direkt an die Hauswände stoßen, wie eine „Rennbahn“ gestaltet, so dass man nicht lange stehenbleibt oder sich versammeln kann. Das lag in der Zeit der boomenden Industrialisierung daran, dass man den Konsum und die Mobilität fördern, aber vor allem Demonstrationen oder Krawalle von Arbeitern verhindern wollte. Auch der Regent’s Park, auf den Londons berühmte Einkaufsstraße zuführt, ist durch mehrere Ringe aus Zäunen so geschützt, dass man den Zustrom von Menschen regulieren kann.

Overload aus Bildern und Zeichen
Für die Arbeit wanderte Fassler die Strecke der Londoner Regent Street und rund um den Park über mehrere Tage ab und fotografierte dabei möglichst alle Laden- und Verbotsschilder, Sticker, Zäune und Absperrungen, die sie wahrnahm. Diese wurden dann nachgezeichnet, gescannt und in den maßstabsgetreuen Lageplan der Straßenzüge montiert. Das Ergebnis ist ein Overload aus Bildern, Logos, Signalen und Zeichen, die fast unmerklich die Bewegungen und Wahrnehmungen der Passanten bestimmen und reglementieren.

Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.

Larissa Fassler, Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked like a racetrack), 2009
Digitaldruck auf Papier
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Sammlung Deutsche Bank

Weitere Werke aus dieser Ausstellung