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Agathe Snow, Walls, 2010

Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf

Informationen

Frisch verheiratet
Agathe Snow wurde auf Korsika geboren und verbrachte ihre Kindheit umgeben von Natur, bevor sie 1987 mit elf Jahren nach New York City kam. Ihre Mutter führte ein Restaurant in Manhattan. 1999 lernte Agathe ihren zukünftigen Mann Dash Snow kennen, der aus einer bekannten Sammlerfamilie stammte.

Die neue Downtown-Szene
Der damals noch 18-Jährige war Teil einer Gruppe von Graffiti-Sprayern in der Lower East Side und noch völlig unbekannt. Das änderte sich, als das Paar Leute aus der New Yorker Kunstszene kennenlernte. Aus dieser Verbindung entstand eine ambitionierte, rebellische Clique zu der Dan Colen, Ryan McGinley, Dash und Agathe Snow gehörten, obwohl ihre Ehe schon bald geschieden wurde. Diese neue Downtown-Szene erschuf mit einem enormen Medienecho ein hedonistisches, schonungsloses Werk, das auch unter dem Einfluss der Anschläge vom 11. September entstand. Dash Snows Fotografien zeigten Sex, Drogen, Gewalt, Depression, völlige Selbstzerstörung, den zugleich zynischen und romantischen Lebensstil junger New Yorker Künstler*innen. Er starb 2009 an einer Überdosis.

Tanzmarathon beim Ground Zero
Agathe Snow, die für ihre performativen, großen Dinner-Events bekannt war, wurde durch ein 48-Stunden-Tanzmarathon zum Star, das sie 2005, nur vier Jahre nach 9/11, gemeinsam mit dem Guggenheim Museum zwei Blocks entfernt von Ground Zero organisierte. Es war ein Abschied von den alten Zeiten und ein Neubeginn zugleich. „Ich lud all meine Freunde ein“, erzählte Snow dem Magazin Interview. „Es war ein Gefühl von New York City nach dem 11. September – wir wissen nicht, was passieren wird, wir sind alle in Downtown Manhattan, also können wir genauso gut Spaß haben.“ Man kann nicht überschätzen, was der Zusammensturz der Twin Towers, dieses Wahrzeichens, damals bedeutete.

Eine Welt für alle
Diese Stimmung der Offenheit nach einer Apokalypse verkörperte auch All Access World, ihre erste institutionelle Einzelausstellung 2011 im Deutsche Guggenheim in Berlin. Snow, die keine akademische Kunstausbildung hat, verwandelte die Berliner Ausstellungshalle der Deutschen Bank in ein Experimentierfeld. Auf einer riesigen, selbstgestalteten Weltkarte installierte sie aus Fundstücken und Baumaterialien nachgebaute oder erfundene Monumente, Skulpturen, die an DADA-Collage, Performancekunst, Arte Povera erinnern, aber mit monumentaler Formensprache von Säulen, Obelisken und Türmen, dreieckigen Giebeln, Pyramiden, Spitzen, Kuppeln. Die Skulpturen waren mit Rollen versehen und konnten wie auf einer Benutzeroberfläche verschoben werden. Dazu schuf sie großformatige Collagen mit berühmten Bauten und Logos. Auf Walls vereinen sich etwa die Chinesische und die Berliner Mauer.

Selfies vor Touristenattraktionen
Diese bunte Vision einer offenen, globalen Zivilisation, ohne Nationalismus, Monumente und Kriegsdenkmäler, in der alle Zugang zu Kultur, Konsum und Gemeinschaft haben, sich individuell verwirklichen und die eigene Welt gestalten kann, erscheint heute fast naiv. Doch sie entsteht, als Barack Obama in den USA regiert und die Hoffnung auf eine neue Ära in den USA in der Luft liegt. Als das Internet noch Verbindung bedeutet, die Leute ihr Essen und Selfies vor Touristenattraktionen posten. Facebook erlebt einen Boom, Instagram steckt noch in den Kinderschuhen. Und da ist dieser durchaus politische Optimismus von einst, den man vielleicht belächeln kann, aber nicht vergessen sollte.

Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.

Agathe Snow, Walls, 2010
Collage und Faserstift auf Papier
© Agathe Snow
Sammlung Deutsche Bank

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