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William Kentridge, Anti-Mercator, 2010-2011 & Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Informationen
William Kentridge, Refusal of Time Anti-Mercator, 2010–2011
Verzerrte Wahrnehmung der Welt
„Refusal of Time“ steht in großen Lettern da, auf der ersten Seite des Notizbuches, das in William Kentridges Videoarbeit aufgeschlagen wird – wie eine Kapitelüberschrift. Doch welche Zeit wird da abgelehnt? Einen Hinweis gibt der Titel des Films: Refusal of Time Anti-Mercator. Gerhard Mercator war ein Geograf und Kosmograf des 16. Jahrhunderts, der den modernen Atlas begründete. Die nach ihm benannte Mercator-Projektion ermöglichte es Schiffen, ihren Kurs zu halten und revolutionierte in den folgenden Jahrhunderten die koloniale Seefahrt. Seine Projektion wird bis heute verwendet, obwohl sie die Größe verschiedener Länder, insbesondere von Afrika, auf der Weltkarte verzerrt.
Geschichte und Erinnerung
In seiner Filmanimation zeigt Kentridge, dass unser Verständnis von Zeit und die westlichen Techniken der Vermessung Werkzeuge der Moderne sind, mit denen Kontrolle und Macht ausgeübt werden. Die Arbeiten des südafrikanischen Künstlers spiegeln seine intensive Auseinandersetzung mit Fragen der Geschichte und Erinnerung wider, vor allem aber mit dem Kolonialismus und der Geschichte der Apartheid. Kentridge ist bekannt für seine Theaterproduktionen, für die er vielschichtige Multimedia-Performances kreiert, in denen er Objekte und ihre Schatten, Puppen und Puppenspieler in bewegten Bildprojektionen und Bühnenbildern kombiniert. Er verwendet immer wieder überarbeitete Kohle- und Pastellzeichnungen als Grundlage für seine Filme, in denen man sieht, wie er schreibt und zeichnet. Dabei hinterlässt er Spuren von Radierungen und deutlich sichtbaren Übermalungen, um den Entstehungsprozess des Werks und eine unauslöschliche Vergangenheit anzudeuten.
Ein Hoffnungsschimmer
Die Vorstellungen von Zeit und Maß, die Kentridge hinterfragt, sind Erfindungen der europäischen, westlichen, kolonialen Kultur, mit denen die Welt nur aus der Perspektive der Herrschenden vermessen wird. Damit verbunden ist das Beharren auf einer monolithischen, chronologischen Geschichte, die genauso einseitig ist und die Geschichte der Kolonialisierten überschreibt und ausradiert. In seinem Video schreibt und radiert Kentridge dagegen an, beschäftigt sich mit verschiedenen Vorstellungen von Zeit und Raum – von Isaac Newtons linearer Zeit bis zu Albert Einsteins Relativitätstheorie. Das Video läuft, wie in den filmischen Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge aus dem 19. Jahrhundert, nach vorne, während die Seiten zurückgeblättert werden. Ein Protestzug oder eine Prozession mit Megaphon- und Messgerät-Konstruktionen tritt auf. Ein schwarzes Paar in kubistischen Kostümen tanzt unbeschwert zu Vogelgezwitscher, ein Hoffnungsschimmer.
William Kentridge
Untitled, drawing for Black Box / Chambre Noire, 2005
Untitled, drawing for Black Box / Chambre Noire, 2005
Untitled, drawing for Black Box / Chambre Noire, 2005
Mechanisches Theater
Die Welt zu erleben und zu verstehen, ist ein langer und schmerzhafter Prozess, in dem nichts statisch ist. Das demonstriert Kentridge wie in seiner Videoarbeit Refusal of Time Anti-Mercator auch mit Black Box / Chambre Noir, einer Auftragsarbeit, die er 2005 für das Deutsche Guggenheim in Berlin realisierte. Das mechanische Theater hat fast Lebensgröße und besteht aus einer schwarzen Box mit zwei Projektionen und sechs Figuren, die ähnlich wie im Anti-Mercator auch animierte Gegenstände sein können, Lampen oder Megafone.
Oper der Aufklärung
Das Werk entstand ursprünglich, als der Künstler sich auf die Inszenierung einer großen Theaterproduktion von Mozarts Oper Die Zauberflöte vorbereitete, großformatige Bühnenbilder entwarf und sich mit der Inszenierung der Schauspieler*innen und Projektionen unter Verwendung eines Miniaturbühnenmodells beschäftigte. Diese Arbeit an der Oper und zum damit verbunden historischen Thema der Aufklärung führte zu Black Box / Chambre Noire.
Trauerarbeit
Das Miniaturtheater und die dazugehörigen fünfzig Zeichnungen setzen sich in der Manier einer epischen, surrealen Kammeroper mit dem Massaker der Deutschen an den Herero in Südwestafrika (heute Namibia) im Jahr 1904, das von einigen Historiker*innen als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts angesehen wird, auseinander. In Beschäftigung Auseinandersetzung mit diesem historischen Ereignis untersucht Kentridge das Freudsche Konzept der „Trauerarbeit“ als Arbeit ohne ein Ende. Diese fortlaufende Untersuchung passt zu der unerbittlichen und selbstreflexiven Auseinandersetzung des Künstlers mit Bedeutungen und Prozessen – seien diese nun historisch oder künstlerisch. Auf den beiden Zeichnungen auf gefundenem Papier, die auch Teil der Projektionen in der Black Box waren, erkennt man eine Büste von Bismarck und einen Schädel unter einem Hut. Beide Blätter sind mit Markierungen und Messlinien versehen. Der Schädel ist dabei nicht nur ein Verweis auf Tod und Gewalt, sondern erinnert an ein an eine Praxis aus der deutschen Kolonialzeit. Insbesondere in den „Schutzgebieten“ Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika, wurden Schädelmessungen (Kraniometrie) und andere anthropometrische Untersuchungen massenhaft durchgeführt. Diese Praktiken dienten der rassenanthropologischen Forschung, die koloniale Herrschaft zu legitimieren und die „Überlegenheit“ der weißen Siedler*innen pseudowissenschaftlich zu belegen.
Audio Anti-Mercator
Audio Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire
Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
William Kentridge, Anti-Mercator, 2010-2011
HD-Film auf DVD, Schwarzweiß, Ton
© William Kentridge. Courtesy of William Kentridge and Goodman Gallery
Written Art Collection
William Kentridge, Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
Kohle auf gefundenem Papier
William Kentridge, Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
Kohle auf gefundenem Papier
William Kentridge, Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
Kohle und Farbkreise auf gefundenem Papier
© William Kentridge. Courtesy of William Kentridge and Goodman Gallery
Sammlung Deutsche Bank
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