Immer wieder Krieg Die libanesisch-niederländische Künstlerin Mounira Al Solh wuchs in den 1980er-Jahren während des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut auf, emigrierte ins syrische Damaskus, studierte in Beirut und Amsterdam Kunst und lebt heute in diesen beiden Städten. Bei der Explosion 2020 im Hafen von Beirut wurde ihr Atelier zerstört, immer wieder fielen Bomben, wie jetzt auch im sich weiter ausbreitenden Krieg im Nahen Osten.
Ein Werk voller Poesie und Tiefe In ihrer Kunst verbindet Al Solh Zeichnung, Skulptur, Video, Performance und Installation. Sie thematisiert den Krieg, Gewalt, die Realität von Dissident*innen, Geflüchteten, Menschenrechtsaktivist*innen, besonders von Frauen in der arabischen Welt. In ihrer Arbeit verbinden sich biografische und kollektive Erfahrungen zu einem Werk voller Poesie, Tiefe, Humor und politischer Resilienz. Dabei spielen Schrift und Sprache für Al Solh eine ganz wesentliche Rolle.
Trauer und Wut Ihr expressives Ölgemälde His Funeral, Our Funeral, Their Funeral erzählt über die Beerdigung eines engen Freundes: Lokman Slim war ein libanesisch-schiitischer Verleger, politischer Aktivist und Kommentator, der als vehementer Kritiker aller konfessionellen Parteien und insbesondere der Hisbollah galt. Er wurde im Februar 2021 erschossen, als er aus dem Südlibanon in seine Wohnung in Beirut zurückkehrte. Die Täter sind nach wie vor völlig straffrei. Al Solh, die sich zum Zeitpunkt seiner Ermordung in den Niederlanden aufhielt, verfolgte die Ereignisse und begann in ihrer Trauer und Wut zu malen. Das Gemälde ist buchstäblich eine Trauerarbeit. Zwei Jahre behielt sie es im Atelier und malte mit Unterbrechungen weiter, um den Verlust ihres Freundes zu verarbeiten.
Unsere Geschichte überdenken Da Slims Mutter protestantisch war, konnte er eingeäschert werden – eine Praxis, die im Libanon weder üblich noch wirklich akzeptiert ist. Er wünschte sich auch, dass seine Asche im Garten seines Hauses in Beirut beigesetzt werde. In einer Geste von großer symbolischer Bedeutung angesichts des konfessionellen politischen Systems und der Bürgerkriegsgeschichte des Landes beteten mehrere muslimische und christliche Würdenträger aller Glaubensrichtungen während der Zeremonie an seinem Grab. Das zentrale Element des Gemäldes bilden Grabsteine, auf denen die Worte „Unsere Geschichte überdenken“, „Barmherzigkeit“, „Möge unsere Mutter in Sicherheit sein“, „Recht“, „Koexistenz“, „Normalität“, „Liebe“, „Lesen“ und „Gerechtigkeit“ zu lesen sind.
Eine unbequeme Stimme Trauernde, von denen die meisten Gesichtsmasken tragen (was das Gemälde in den Kontext der Pandemie stellt), versammeln sich um das Grab. Unter ihnen findet sich Slims Ehefrau, ganz in Schwarz gekleidet, größer als alle anderen. Neben ihr steht seine Mutter, klein und niedergeschlagen. An einer Seite kniet eine verschleierte, betende Frau, die Hände geöffnet und den Blick zum Himmel gerichtet, während rechts unten eine gekreuzigte Figur gemalt ist, die nonbinär zugleich wie ein Mann und eine Frau aussieht. Die Kreuze scheinen das das Konzept des traditionellen Märtyrertums zu hinterfragen, sie verweisen aber darauf, dass Lokman Slim getötet wurde, weil er nicht schweigen konnte – eine unbequeme Stimme, die sich gegen die Unterdrückung und für die Meinungsfreiheit erhob.
Informationen
Immer wieder Krieg
Die libanesisch-niederländische Künstlerin Mounira Al Solh wuchs in den 1980er-Jahren während des libanesischen Bürgerkriegs in Beirut auf, emigrierte ins syrische Damaskus, studierte in Beirut und Amsterdam Kunst und lebt heute in diesen beiden Städten. Bei der Explosion 2020 im Hafen von Beirut wurde ihr Atelier zerstört, immer wieder fielen Bomben, wie jetzt auch im sich weiter ausbreitenden Krieg im Nahen Osten.
Ein Werk voller Poesie und Tiefe
In ihrer Kunst verbindet Al Solh Zeichnung, Skulptur, Video, Performance und Installation. Sie thematisiert den Krieg, Gewalt, die Realität von Dissident*innen, Geflüchteten, Menschenrechtsaktivist*innen, besonders von Frauen in der arabischen Welt. In ihrer Arbeit verbinden sich biografische und kollektive Erfahrungen zu einem Werk voller Poesie, Tiefe, Humor und politischer Resilienz. Dabei spielen Schrift und Sprache für Al Solh eine ganz wesentliche Rolle.
Trauer und Wut
Ihr expressives Ölgemälde His Funeral, Our Funeral, Their Funeral erzählt über die Beerdigung eines engen Freundes: Lokman Slim war ein libanesisch-schiitischer Verleger, politischer Aktivist und Kommentator, der als vehementer Kritiker aller konfessionellen Parteien und insbesondere der Hisbollah galt. Er wurde im Februar 2021 erschossen, als er aus dem Südlibanon in seine Wohnung in Beirut zurückkehrte. Die Täter sind nach wie vor völlig straffrei. Al Solh, die sich zum Zeitpunkt seiner Ermordung in den Niederlanden aufhielt, verfolgte die Ereignisse und begann in ihrer Trauer und Wut zu malen. Das Gemälde ist buchstäblich eine Trauerarbeit. Zwei Jahre behielt sie es im Atelier und malte mit Unterbrechungen weiter, um den Verlust ihres Freundes zu verarbeiten.
Unsere Geschichte überdenken
Da Slims Mutter protestantisch war, konnte er eingeäschert werden – eine Praxis, die im Libanon weder üblich noch wirklich akzeptiert ist. Er wünschte sich auch, dass seine Asche im Garten seines Hauses in Beirut beigesetzt werde. In einer Geste von großer symbolischer Bedeutung angesichts des konfessionellen politischen Systems und der Bürgerkriegsgeschichte des Landes beteten mehrere muslimische und christliche Würdenträger aller Glaubensrichtungen während der Zeremonie an seinem Grab. Das zentrale Element des Gemäldes bilden Grabsteine, auf denen die Worte „Unsere Geschichte überdenken“, „Barmherzigkeit“, „Möge unsere Mutter in Sicherheit sein“, „Recht“, „Koexistenz“, „Normalität“, „Liebe“, „Lesen“ und „Gerechtigkeit“ zu lesen sind.
Eine unbequeme Stimme
Trauernde, von denen die meisten Gesichtsmasken tragen (was das Gemälde in den Kontext der Pandemie stellt), versammeln sich um das Grab. Unter ihnen findet sich Slims Ehefrau, ganz in Schwarz gekleidet, größer als alle anderen. Neben ihr steht seine Mutter, klein und niedergeschlagen. An einer Seite kniet eine verschleierte, betende Frau, die Hände geöffnet und den Blick zum Himmel gerichtet, während rechts unten eine gekreuzigte Figur gemalt ist, die nonbinär zugleich wie ein Mann und eine Frau aussieht. Die Kreuze scheinen das das Konzept des traditionellen Märtyrertums zu hinterfragen, sie verweisen aber darauf, dass Lokman Slim getötet wurde, weil er nicht schweigen konnte – eine unbequeme Stimme, die sich gegen die Unterdrückung und für die Meinungsfreiheit erhob.
Audio
Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
Mounira Al Solh, His Funeral, Our Funeral, Their Funeral, 2023
Öl auf Leinwand
© Mounira Al Solh
Written Art Collection
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