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Jenny Holzer, Redaction Paintings, 2005-2008

Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit

Informationen

Wem gehören die Informationen?
Jenny Holzers zwischen 2005 und 2008 entstandene Serie der Redaction Paintings ist brandaktuell. Denn sie behandelt ein Thema, das auch gerade jetzt im Fall der Epstein Files global erhitzte Debatten um die Frage auslöst, wem Informationen gehören, wer was sehen darf und was aus welchen Gründen vor der Öffentlichkeit verborgen wird. „Redacted“ heißt „redigiert“, doch eigentlich könnte man „zensiert“ sagen. Die Dokumente, auf denen Holzers Bilder basieren, stammen aus dem Kontext der Kriege im Irak und in Afghanistan und wurden von den US‑Behörden nach Ablauf einer Frist für die Öffentlichkeit freigegeben.

Abu Ghraib
Natürlich geht es auch um den Folterskandal in Abu Ghraib, bei dem irakische Insassen des berüchtigten Abu-Ghuraib‑Gefängnisses vom Wachpersonal misshandelt, vergewaltigt und oft bis zum Tod gefoltert wurden. Holzer hat diese Dokumente, die häufig Telefaxe oder Kopien von Kopien waren, aus dem Internet gezogen, stark vergrößert und per Siebdruck auf mit Ölfarbe monochrom grundierte Leinwände gedruckt.

Zu den Akten gelegt
Die kleine rechte Hand, die sich auf Holzers Siebdruckgemälde Small Right Hand Down blue white abdrückt, gehörte Emad Kazem Taleb, einem irakischen Zivilisten, der in US‑Gewahrsam im Abu‑Ghuraib‑Gefängnis starb. Dort, wo Dokumente fehlen und Menschen nicht schreiben können, bleiben in bürokratischen Prozessen nur körperliche Spuren. Die Hand wirkt gerade durch den Siebdruck und die per Hand aufgetragene Ölfarbe auf der Leinwand wie das Zeugnis des Verschwindens eines Menschen, der in einem bürokratischen System ausgelöscht und zu den Akten gelegt wird.

Strukturelle Bedingungen des Krieges
„Holzers Redaction Paintings lenken die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Details des US‑Kriegs gegen den Terror, sondern auch auf die strukturellen und politischen Bedingungen, die ihn ermöglicht haben“, schreibt Joshua Craze im Katalog zur Ausstellung Jenny Holzer: War Paintings im Museo Correr, die 2015 in Zusammenarbeit mit der Written Art Collection in Venedig gezeigt wurde.

Nur noch Bürokratie
Holzers Siebdruckbilder sind Kommentare zur US‑Politik, aber auch zur US‑Malerei. Sie erinnern in ihrer formalen Kühle an Andy Warhols Death-and-Disaster-Serie aus den frühen 1960er-Jahren. Holzer verwendet tatsächlich eine Reihe von Warhols Farbtönen. Während Warhol Pressebilder von Autounfällen, Selbstmorden und Schießereien reproduziert, zeigt Holzer keinen Krieg, keine Leichen und keine Folterungen. Sie zeigt das brutale bürokratische und politische System, in dem es keine Verantwortlichen mehr gibt, sondern nur noch Funktionäre, Bürokraten und Ausführende – ein System, in dem auch Kriegsgefangenen keine Menschlichkeit mehr zugesprochen wird.


Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.


Image:
Jenny Holzer, PALM, FINGERS & FINGERTIPS (LEFT HAND) 000406, 2007
Öl auf Leinen
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Written Art Collection

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