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Yūichi Inoue, TORI, 1976

Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre

Informationen

Der japanische „Pollock“
Yūichi Inoues experimentelle „Aktionskalligrafie“ war in den 1950er-Jahren eine radikale Abkehr von der ausgefeilten, auch handwerklichen Regeln unterworfenen japanischen Kalligrafie. Er transformierte den Akt des Schreibens in eine physische Performance, die dem Abstrakten Expressionismus von Künstlern wie Jackson Pollock ähnelt. Yūichi schrieb oft auf riesige Papierbogen, die flach auf dem Boden lagen. Er bewegte sich mit seinem gesamten Körpergewicht über das Papier, was seinen Werken eine fast skulpturale Wucht verlieh.

Die Tintenmenschen-Gesellschaft
Wie auch Shiryū Morita, der ebenfalls in dieser Sektion vertreten ist, war auch er 1957 Mitbegründer der einflussreichen Künstlergruppe Bokujinkai („Tintenmenschen-Gesellschaft“), die die Kalligrafie als moderne Kunstform im globalen Kontext positionieren wollte. Seine Arbeiten wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen wie der documenta II (1959) in Kassel und im Museum of Modern Art (MoMA) in New York gezeigt. Die Gruppe stand in regem Austausch mit europäischen gestischen Malern des Informel, wie Pierre Soulages und den Malern des amerikanischen Abstrakten Expressionismus, wie etwa Franz Kline.

Kalligrafie und Kunst im kalten Krieg
Avantgardistische japanische Kalligrafen studierten akribisch neue abstrakte Kunst, um theoretische und visuelle Parallelen zur abstrakten Malerei weltweit herzustellen und inspirierten zugleich die aktuelle Malerei im Westen. Bezeichnenderweise zeigte die erste Ausgabe der Avantgardezeitschrift Bokubi der Bokujinkai-Gruppe eine Abbildung von Klines Werk auf dem Cover – eine Geste, die für traditionelle Kalligrafen undenkbar gewesen wäre. Diese enge produktive Bindung löste sich aber im nationalistischen Klima des Kalten Krieges wieder auf, da es sich beim Abstrakten Expressionismus aus politischen Gründen um eine rein amerikanische Bewegung handeln sollte, die ohne ausländische Einflüsse die Welt erobert.

Vergänglichkeit
Kline erklärte, seine Malerei sei keine „Kalligrafie“. Tatsächlich ist Yūichis Werk untrennbar mit der Schrift verbunden. Bekannt wurde er für seine monumentalen Ein-Zeichen-Kalligrafien. Tori (Vogel) von 1976 gehört zu seinen wichtigsten Werken. Auf der Rückseite hat der Künstler in Japanisch ein Haiku von Basho eingraviert: „Warum fühle ich mich in diesem Herbst so einsam und alt, als sähe ich einen Vogel durch die Wolken fliegen und in ihnen verschwinden?“ Tori markiert einen Wendepunkt. Vielleicht ahnte Yūichi, dass seine Zeit begrenzt war. 1976 erreichte Yūichi, der sein Leben lang als Grundschullehrer gearbeitet hatte, das Rentenalter und konnte sich ganz seiner Kunst widmen, bis er 1985 verstarb.

Die Sehnsucht nach der verstorbenen Mutter
Wie elementar, roh und spirituell Yūichis experimentelle Kalligrafie sein kann, zeigen auch seine „Mutter“-Arbeiten aus den frühen 1960er-Jahren. Damals schuf Yūichi zahlreiche Werke mit Titeln wie „Traum“, „Mutter“ und „Pietät des Kindes“. Der Anlass war seine über viele Jahre kranke Mutter. Yūichi schrieb das Schriftzeichen für „Traum“ und bat die alte, bettlägerige Frau, die keine Schriftzeichen lesen konnte, es nachzuempfinden. Nach ihrem Tod ließ er ihre Kalligrafie auf die Steppdecke aufbringen, die ihr Bett bedeckt hatte – um so die Sehnsucht des Kindes nach seiner verstorbenen Mutter auszudrücken.


Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.


Yūichi Inoue, TORI, 1976
Vogel
Tusche auf Papier
© UNAC TOKYO
Written Art Collection

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