Sehnsucht nach Freiheit Die Freiheit wird umso größer, „je mehr Wörter wir uns nehmen können“, hat die deutsch-rumänische Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller einmal gesagt. Um ihre Gedichtcollagen besser zu verstehen, muss man sich vorstellen, wie es ist, wenn diese Freiheit beschnitten wird. Müller wurde in den frühen 1950-erJahren in Rumänien als Banater Schwäbin geboren. Sie gehört zu einer deutschen Minderheit, die vom kommunistischen Regime nach 1945 enteignet und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurde – wie auch Müllers Mutter. Müller, die in den 1970-er Jahren Germanistik und Rumänistik studierte, wurde nicht nur wegen ihrer Herkunft oder ihrer Prosa verfolgt.
Widerstand gegen das Regime Sie weigerte sich auch, für die berüchtigte rumänische Geheimpolizei Securitate zu spitzeln. Auch Müller wird bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik 1987 immer wieder drangsaliert, verhört, mit dem Tod bedroht. Diese Erfahrungen und historischen Hintergründe verarbeitet sie in ihrem Werk, für das sie 2009 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Schon um 1987 beginnt sie mit den Gedichtcollagen. Diese Arbeiten entstehen auch ganz pragmatisch, weil sie auf ihren Reisen keine passenden Ansichtskarten findet und stattdessen Collagen mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Worten verschickt.
Ein Wortschatz, im wahrsten Sinne Müller wird regelrecht wortsüchtig. Zuhause richtet sie einen Wörtertisch ein, der schnell zu klein wird, kauft Schachteln und Schubladen, beginnt ihre Ausbeute alphabetisch zu ordnen. Sie birgt aus der Massenpresse einen regelrechten Wortschatz. Müller nutzt die Collagetechnik wie vor ihr die Surrealisten oder die DADA-Bewegung. Die absurd anmutenden Gedichte, die so entstehen, unterscheiden sich von ihrer Prosa, aber sie behandeln ähnliche Themen. Müller spielt mit unterschiedlichen Schrifttypen, immer setzt sie kleine Bilder oder Grafiken mit ein, was das Bildhafte der ausgeschnittenen Worte betont. In einem Essay schreibt sie: „Das Gesagte muss behutsam sein mit dem, was nicht gesagt wird.“ In diesem Sinne geht es in ihren Collagen auch um das Weiß des Papiers, die Leere zwischen den Worten, die Verbildlichung des Unsagbaren.
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Sehnsucht nach Freiheit
Die Freiheit wird umso größer, „je mehr Wörter wir uns nehmen können“, hat die deutsch-rumänische Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller einmal gesagt. Um ihre Gedichtcollagen besser zu verstehen, muss man sich vorstellen, wie es ist, wenn diese Freiheit beschnitten wird. Müller wurde in den frühen 1950-erJahren in Rumänien als Banater Schwäbin geboren. Sie gehört zu einer deutschen Minderheit, die vom kommunistischen Regime nach 1945 enteignet und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurde – wie auch Müllers Mutter. Müller, die in den 1970-er Jahren Germanistik und Rumänistik studierte, wurde nicht nur wegen ihrer Herkunft oder ihrer Prosa verfolgt.
Widerstand gegen das Regime
Sie weigerte sich auch, für die berüchtigte rumänische Geheimpolizei Securitate zu spitzeln. Auch Müller wird bis zu ihrer Ausreise in die Bundesrepublik 1987 immer wieder drangsaliert, verhört, mit dem Tod bedroht. Diese Erfahrungen und historischen Hintergründe verarbeitet sie in ihrem Werk, für das sie 2009 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird. Schon um 1987 beginnt sie mit den Gedichtcollagen. Diese Arbeiten entstehen auch ganz pragmatisch, weil sie auf ihren Reisen keine passenden Ansichtskarten findet und stattdessen Collagen mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Worten verschickt.
Ein Wortschatz, im wahrsten Sinne
Müller wird regelrecht wortsüchtig. Zuhause richtet sie einen Wörtertisch ein, der schnell zu klein wird, kauft Schachteln und Schubladen, beginnt ihre Ausbeute alphabetisch zu ordnen. Sie birgt aus der Massenpresse einen regelrechten Wortschatz. Müller nutzt die Collagetechnik wie vor ihr die Surrealisten oder die DADA-Bewegung. Die absurd anmutenden Gedichte, die so entstehen, unterscheiden sich von ihrer Prosa, aber sie behandeln ähnliche Themen. Müller spielt mit unterschiedlichen Schrifttypen, immer setzt sie kleine Bilder oder Grafiken mit ein, was das Bildhafte der ausgeschnittenen Worte betont. In einem Essay schreibt sie: „Das Gesagte muss behutsam sein mit dem, was nicht gesagt wird.“ In diesem Sinne geht es in ihren Collagen auch um das Weiß des Papiers, die Leere zwischen den Worten, die Verbildlichung des Unsagbaren.
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Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
Herta Müller, 1069 vom 04.07.2012, 2012
Papiercollage
© Herta Müller
Written Art Collection
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