Innere und äußere Zeit „Jedes Leben ist in viele Tage zerlegt, Tag für Tag. Wir gehen durch uns selbst und begegnen Räubern, Gespenstern, Riesen, alten Männern, jungen Männern, Frauen, Witwen, Schwägern — doch immer begegnen wir uns selbst.“ Das sagt James Joyce 1922 in seinem Roman Ulysses. Er beschrieb ein Phänomen, das im 20. Jahrhundert die Kunst und Literatur faszinierte: die innere und äußere Wahrnehmung von Zeit, die sich im modernen Leben, durch die technologischen, wissenschaftlichen und sozialen Revolutionen radikal veränderte. Doch nach zwei Weltkriegen, im Konsum- und Raumfahrtzeitalter, fühlte sich die abstrakte, expressive Malerei, mit der nach 1945 Utopie, Lebensgefühl und Zeitgeist ausgedrückt worden waren, erschöpft an.
Das eigene Leben zerlegen On Kawara war ein japanisch-amerikanischer Konzeptkünstler, ein Zeitgenosse von Lawrence Weiner. Und er interessierte sich für Zeit – für ihre Messung in Tagen, Jahren, Jahrhunderten und Äonen. Seine Malerei beruht nicht auf Ausdruck oder einer künstlerischen Handschrift, sondern auf der fast mechanischen Zerlegung seines eigenen Lebens in Tage. Jedes Datumsgemälde aus seiner Today-Serie, die er 1966 in New York begann, ist ein monochromes Feld, auf dem das Datum, an dem das Gemälde entstanden ist, in der Sprache und nach dem Kalender des Landes geschrieben steht, in dem Kawara sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Für jedes Datum-Bild fertigte Kawara eine Aufbewahrungsbox aus Pappe an. Vielen Boxen ist ein Ausschnitt aus einer lokalen Tageszeitung beigefügt. Wenn er ein Gemälde nicht bis Mitternacht fertiggestellt hatte, vernichtete er es. Kawara schuf über 2.000 Date Paintings in über 112 Städten weltweit, ein Projekt, das erst mit seinem Tod endete.
Ganz im Augenblick On Kawara möchte dabei Gemälde schaffen, die nicht etwas darstellen oder auf etwas verweisen, sondern selbst „real“ sind, außer der Farbe und dem Datum gibt es nichts zu sehen. Schaut man genau hin, erkennt man aber auf der Leinwand Pinselspuren, Lebenspuren. Die Bilder markieren kollektive Geschichte und sind zugleich intim, wie ein Tagebuch. Sie haben etwas Zen-mäßiges, wie die Atemzüge, die man beim Meditieren zählt, um sich freizumachen von inneren Monologen und Gedanken, auch von Riesen und Gespenstern – um seinem Selbst zu begegnen, das leer, aber ganz in der Realität, im Augenblick ist, so flüchtig wie das Leben, so vergänglich wie der 1. Juni 1967.
Informationen
Innere und äußere Zeit
„Jedes Leben ist in viele Tage zerlegt, Tag für Tag. Wir gehen durch uns selbst und begegnen Räubern, Gespenstern, Riesen, alten Männern, jungen Männern, Frauen, Witwen, Schwägern — doch immer begegnen wir uns selbst.“ Das sagt James Joyce 1922 in seinem Roman Ulysses. Er beschrieb ein Phänomen, das im 20. Jahrhundert die Kunst und Literatur faszinierte: die innere und äußere Wahrnehmung von Zeit, die sich im modernen Leben, durch die technologischen, wissenschaftlichen und sozialen Revolutionen radikal veränderte. Doch nach zwei Weltkriegen, im Konsum- und Raumfahrtzeitalter, fühlte sich die abstrakte, expressive Malerei, mit der nach 1945 Utopie, Lebensgefühl und Zeitgeist ausgedrückt worden waren, erschöpft an.
Das eigene Leben zerlegen
On Kawara war ein japanisch-amerikanischer Konzeptkünstler, ein Zeitgenosse von Lawrence Weiner. Und er interessierte sich für Zeit – für ihre Messung in Tagen, Jahren, Jahrhunderten und Äonen. Seine Malerei beruht nicht auf Ausdruck oder einer künstlerischen Handschrift, sondern auf der fast mechanischen Zerlegung seines eigenen Lebens in Tage. Jedes Datumsgemälde aus seiner Today-Serie, die er 1966 in New York begann, ist ein monochromes Feld, auf dem das Datum, an dem das Gemälde entstanden ist, in der Sprache und nach dem Kalender des Landes geschrieben steht, in dem Kawara sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Für jedes Datum-Bild fertigte Kawara eine Aufbewahrungsbox aus Pappe an. Vielen Boxen ist ein Ausschnitt aus einer lokalen Tageszeitung beigefügt. Wenn er ein Gemälde nicht bis Mitternacht fertiggestellt hatte, vernichtete er es. Kawara schuf über 2.000 Date Paintings in über 112 Städten weltweit, ein Projekt, das erst mit seinem Tod endete.
Ganz im Augenblick
On Kawara möchte dabei Gemälde schaffen, die nicht etwas darstellen oder auf etwas verweisen, sondern selbst „real“ sind, außer der Farbe und dem Datum gibt es nichts zu sehen. Schaut man genau hin, erkennt man aber auf der Leinwand Pinselspuren, Lebenspuren. Die Bilder markieren kollektive Geschichte und sind zugleich intim, wie ein Tagebuch. Sie haben etwas Zen-mäßiges, wie die Atemzüge, die man beim Meditieren zählt, um sich freizumachen von inneren Monologen und Gedanken, auch von Riesen und Gespenstern – um seinem Selbst zu begegnen, das leer, aber ganz in der Realität, im Augenblick ist, so flüchtig wie das Leben, so vergänglich wie der 1. Juni 1967.
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Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
On Kawara, JUNE 1, 1967, 1967
Aus der Serie Today, 1966-2013
Acryl auf Leinwand mit handgefertigter Kartonschachtel und Zeitungsausschnitt
© One Million Years Foundation
Written Art Collection
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