Sprache, Gewalt, Bedeutung Mounira Al Solhs Arbeit fokussiert sich auf zwei Themen, die für ihre Praxis von zentraler Bedeutung sind: die gewalttätige und manchmal auch absurde Auswirkung politischer Ereignisse auf das persönliche Leben. Zugleich untersucht sie die Form und Funktion von Sprache und Bedeutungsbildung. Dabei greift die in Beirut und Amsterdam lebende Künstlerin sprachliche Mischformen auf, die durch Migration und Ortswechsel entstehen.
Orte des Übergangs Auch angesichts der wachsenden Communities von Geflüchteten im Nahen Osten beschäftigt sich die libanesisch-niederländische Künstlerin mit der Sprache, um herauszufinden, was Wege oder Orte des Übergangs zwischen der Muttersprache und den Sprachen der Immigration sein könnten. Dabei spielen im Kontext dieser Idee des „Dazwischen“, des Nichtbinären, auch ihre eigene, von Flucht geprägte Biografie und die Geschichte ihrer Familie und Freunde eine wichtige Rolle, wie auch ihr Gemälde His Funeral, Our Funeral, Their Funeral in dieser Ausstellung eindrucksvoll belegt.
Schutz vor der Sonne und den Blicken der Nachbarn Inspiriert wurde ihre Sama'/Ma'as-Serie durch einen Vortrag des Soziologen und Historikers Ahmad Beydoun über die arabische Sprache und die vielfältigen sprachlichen Wurzeln von Briefen, die während des Krieges in den 1980er-Jahren im Libanon geschrieben wurden. Beydouns Werk verdeutlicht, wie die Umkehrung von dreistelligen Wortstämmen im Arabischen zu widersprüchlichen Bedeutungen führen kann. Für ihre Patchwork-Wort-Skulptur hat Al Solh Plastikplanen und Textilien verwendet, die in Beirut genutzt werden, um die Sonne und die Blicke der Nachbarn abzuschirmen. Etliche der verwendeten Materialien werden seit den 1970er-Jahren nicht mehr verkauft. In den 2000er-Jahren begannen viele Bewohner*innen die provisorisch mit Planen und Vorhängen abgedeckten Öffnungen wieder durch Glas zu ersetzen, was Al Solh jedoch in einer Stadt, die permanent von Krieg und Explosionen erschüttert wird, für gefährlich hält.
Die Bewegung der Sprache In Al Solhs im Raum hängenden Werk Sama'/Ma'as (Ba'ath) ist auf jeder Seite ein Wort aus drei Buchstaben zu sehen, das jeweils aus denselben arabischen Buchstaben besteht, die jedoch in unterschiedlicher Reihenfolge angeordnet ist. Daraus ergeben sich die beiden Wörter „Baʿath” (auf der Seite aus dem grünem Stoff) und „Abath/عبث” (auf der Seite aus Plastik und bunten Stoff), die jeweils aus den Buchstaben A, B und Th gebildet werden. Die Künstlerin sucht gezielt nach Wörtern, deren Bedeutung sich durch die Anordnung der Buchstaben verändert, aber auch nach Kombinationen, die widersprüchlich, fesselnd oder merkwürdig sind. „Baʿath” hat mehrere Bedeutungen: senden oder versenden, die Wiederauferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts, aus dem Schlaf erwachen, provozieren oder anstacheln. Ganz entscheidend ist jedoch die Bedeutung des Wortes als Name der politischen Baʿath-Partei – einen Bezug, den die Künstlerin gezielt als Kritik einsetzt. „Abath“ steht hingegen für Absurdität und bildet einen Gegensatz, den die Künstlerin als dialektisches Wechselspiel zwischen den beiden Seiten des Werks konzipiert hat. Indem sie diese verschiedenen Bedeutungen in der Schwebe hält, beleuchtet Al Solh die Sprache als Gebiet ständiger und kritischer Bewegung: prozesshaft, instabil und immer in einem Zustand des Werdens begriffen.
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Sprache, Gewalt, Bedeutung
Mounira Al Solhs Arbeit fokussiert sich auf zwei Themen, die für ihre Praxis von zentraler Bedeutung sind: die gewalttätige und manchmal auch absurde Auswirkung politischer Ereignisse auf das persönliche Leben. Zugleich untersucht sie die Form und Funktion von Sprache und Bedeutungsbildung. Dabei greift die in Beirut und Amsterdam lebende Künstlerin sprachliche Mischformen auf, die durch Migration und Ortswechsel entstehen.
Orte des Übergangs
Auch angesichts der wachsenden Communities von Geflüchteten im Nahen Osten beschäftigt sich die libanesisch-niederländische Künstlerin mit der Sprache, um herauszufinden, was Wege oder Orte des Übergangs zwischen der Muttersprache und den Sprachen der Immigration sein könnten. Dabei spielen im Kontext dieser Idee des „Dazwischen“, des Nichtbinären, auch ihre eigene, von Flucht geprägte Biografie und die Geschichte ihrer Familie und Freunde eine wichtige Rolle, wie auch ihr Gemälde His Funeral, Our Funeral, Their Funeral in dieser Ausstellung eindrucksvoll belegt.
Schutz vor der Sonne und den Blicken der Nachbarn
Inspiriert wurde ihre Sama'/Ma'as-Serie durch einen Vortrag des Soziologen und Historikers Ahmad Beydoun über die arabische Sprache und die vielfältigen sprachlichen Wurzeln von Briefen, die während des Krieges in den 1980er-Jahren im Libanon geschrieben wurden. Beydouns Werk verdeutlicht, wie die Umkehrung von dreistelligen Wortstämmen im Arabischen zu widersprüchlichen Bedeutungen führen kann. Für ihre Patchwork-Wort-Skulptur hat Al Solh Plastikplanen und Textilien verwendet, die in Beirut genutzt werden, um die Sonne und die Blicke der Nachbarn abzuschirmen. Etliche der verwendeten Materialien werden seit den 1970er-Jahren nicht mehr verkauft. In den 2000er-Jahren begannen viele Bewohner*innen die provisorisch mit Planen und Vorhängen abgedeckten Öffnungen wieder durch Glas zu ersetzen, was Al Solh jedoch in einer Stadt, die permanent von Krieg und Explosionen erschüttert wird, für gefährlich hält.
Die Bewegung der Sprache
In Al Solhs im Raum hängenden Werk Sama'/Ma'as (Ba'ath) ist auf jeder Seite ein Wort aus drei Buchstaben zu sehen, das jeweils aus denselben arabischen Buchstaben besteht, die jedoch in unterschiedlicher Reihenfolge angeordnet ist. Daraus ergeben sich die beiden Wörter „Baʿath” (auf der Seite aus dem grünem Stoff) und „Abath/عبث” (auf der Seite aus Plastik und bunten Stoff), die jeweils aus den Buchstaben A, B und Th gebildet werden. Die Künstlerin sucht gezielt nach Wörtern, deren Bedeutung sich durch die Anordnung der Buchstaben verändert, aber auch nach Kombinationen, die widersprüchlich, fesselnd oder merkwürdig sind. „Baʿath” hat mehrere Bedeutungen: senden oder versenden, die Wiederauferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts, aus dem Schlaf erwachen, provozieren oder anstacheln. Ganz entscheidend ist jedoch die Bedeutung des Wortes als Name der politischen Baʿath-Partei – einen Bezug, den die Künstlerin gezielt als Kritik einsetzt. „Abath“ steht hingegen für Absurdität und bildet einen Gegensatz, den die Künstlerin als dialektisches Wechselspiel zwischen den beiden Seiten des Werks konzipiert hat. Indem sie diese verschiedenen Bedeutungen in der Schwebe hält, beleuchtet Al Solh die Sprache als Gebiet ständiger und kritischer Bewegung: prozesshaft, instabil und immer in einem Zustand des Werdens begriffen.
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Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
Mounira Al Solh, Sama'/Ma'as (Ba'ath), 2014
Doppelseitiger Patchworksvorhang; Textil, Kunststoff
© Mounira Al Solh
Written Art Collection
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