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Shiryū Morita, KI (JU), 1989

Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre

Informationen

Bewegungen der erlebenden Seele
Morita Shiryū hat etwas sehr Poetisches und Analytisches über die moderne japanische Kalligrafie geäußert: „Schreibkunstwerke sind Spuren, die durch die Bewegungen der erlebenden Seele hinterlassen werden.“ Er sagte das als Mitglied von „Bokujinkai“, der avantgardistischen „Gesellschaft der Tintenmenschen“, die er zu Beginn der 1950er-Jahre mit Yūichi Inoue und anderen Künstlern gegründet hatte, um die Kalligrafie als universelle, moderne Kunstform auf Augenhöhe mit der westlichen abstrakten Malerei zu etablieren.

Radikale Erneuerung
In der Nachkriegszeit wollte man unter dem Eindruck der Atombomben-Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki eine radikale Erneuerung. Für die Bokujinkai war der Pinsel nicht mehr nur ein Schreibwerkzeug, sondern ein verlängerter Arm, mit dem unter Einsatz des ganzen Körpers geschrieben wurde, oft über auf Papier, das auf dem Boden lag. Um ganze Räume oder riesige Papierbahnen zu füllen, ließen die Künstler statt der üblichen Ziegenhaarpinsel Pinsel aus Palmfasern oder Wildscheinborsten anfertigen, malten mit Pinseln, die so schwer waren, dass sie mit beiden Händen geführt werden mussten oder sogar mit Stroh- oder Reisigbesen.

Die tiefe Bedeutung eines Schriftzeichens
Um 1960 entwickelte Morita seinen eigenen Stil: dynamisch gemalte Zeichen, die in breiten Pinselstrichen explodieren und in Farbspritzern münden. Er begann mit neuen Materialien zu experimentieren, darunter Aluminiumpaste, die auf mehreren Lagen von schwarzem Papier aufgetragen wurde. Die Oberfläche wurde anschließend mit Naturlack überzogen, dessen gelblicher Schimmer den Buchstaben einen goldenen Farbton verlieh. Für Morita bildeten wie auch bei Ki (Baum) (1989) der Inhalt und die tiefe Bedeutung eines Schriftzeichens den Ausgangspunkt, um die Grenzen zwischen Schrift und Bild zu überwinden.

Bild gewordene Schrift
Durch den Einsatz des Körpers wird der Künstler selbst zum Zeichen. Das wird auch in dem Rhythmus seiner Schrift sichtbar, den man erspüren kann. Das Leben des Künstlers und das Schriftzeichen formen sich quasi gemeinsam zu dem, was man auf dem Papier als Schreibkunst erkennen und nacherleben kann. Das ist die „Bewegung der Seele“, von der Morita spricht. Auch wenn die modernen Kalligrafien von Morita oder Yūichi Inoue an Action Painting, Abstrakten Expressionismus oder Informel erinnern mögen, so sind sie doch keine Malerei per se, sondern viel mehr Bild gewordene Schrift.


Audio

Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.


Shiryū Morita, KI (JU), 1989
Baum
Aluminiumpaste auf geschichteten Lagen schwarzes Papiers, mit transparentem Lack überzogen
© Morita Estate
Written Art Collection

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