Bewegungen der erlebenden Seele Morita Shiryū hat etwas sehr Poetisches und Analytisches über die moderne japanische Kalligrafie geäußert: „Schreibkunstwerke sind Spuren, die durch die Bewegungen der erlebenden Seele hinterlassen werden.“ Er sagte das als Mitglied von „Bokujinkai“, der avantgardistischen „Gesellschaft der Tintenmenschen“, die er zu Beginn der 1950er-Jahre mit Yūichi Inoue und anderen Künstlern gegründet hatte, um die Kalligrafie als universelle, moderne Kunstform auf Augenhöhe mit der westlichen abstrakten Malerei zu etablieren.
Radikale Erneuerung In der Nachkriegszeit wollte man unter dem Eindruck der Atombomben-Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki eine radikale Erneuerung. Für die Bokujinkai war der Pinsel nicht mehr nur ein Schreibwerkzeug, sondern ein verlängerter Arm, mit dem unter Einsatz des ganzen Körpers geschrieben wurde, oft über auf Papier, das auf dem Boden lag. Um ganze Räume oder riesige Papierbahnen zu füllen, ließen die Künstler statt der üblichen Ziegenhaarpinsel Pinsel aus Palmfasern oder Wildscheinborsten anfertigen, malten mit Pinseln, die so schwer waren, dass sie mit beiden Händen geführt werden mussten oder sogar mit Stroh- oder Reisigbesen.
Die tiefe Bedeutung eines Schriftzeichens Um 1960 entwickelte Morita seinen eigenen Stil: dynamisch gemalte Zeichen, die in breiten Pinselstrichen explodieren und in Farbspritzern münden. Er begann mit neuen Materialien zu experimentieren, darunter Aluminiumpaste, die auf mehreren Lagen von schwarzem Papier aufgetragen wurde. Die Oberfläche wurde anschließend mit Naturlack überzogen, dessen gelblicher Schimmer den Buchstaben einen goldenen Farbton verlieh. Für Morita bildeten wie auch bei Ki (Baum) (1989) der Inhalt und die tiefe Bedeutung eines Schriftzeichens den Ausgangspunkt, um die Grenzen zwischen Schrift und Bild zu überwinden.
Bild gewordene Schrift Durch den Einsatz des Körpers wird der Künstler selbst zum Zeichen. Das wird auch in dem Rhythmus seiner Schrift sichtbar, den man erspüren kann. Das Leben des Künstlers und das Schriftzeichen formen sich quasi gemeinsam zu dem, was man auf dem Papier als Schreibkunst erkennen und nacherleben kann. Das ist die „Bewegung der Seele“, von der Morita spricht. Auch wenn die modernen Kalligrafien von Morita oder Yūichi Inoue an Action Painting, Abstrakten Expressionismus oder Informel erinnern mögen, so sind sie doch keine Malerei per se, sondern viel mehr Bild gewordene Schrift.
Informationen
Bewegungen der erlebenden Seele
Morita Shiryū hat etwas sehr Poetisches und Analytisches über die moderne japanische Kalligrafie geäußert: „Schreibkunstwerke sind Spuren, die durch die Bewegungen der erlebenden Seele hinterlassen werden.“ Er sagte das als Mitglied von „Bokujinkai“, der avantgardistischen „Gesellschaft der Tintenmenschen“, die er zu Beginn der 1950er-Jahre mit Yūichi Inoue und anderen Künstlern gegründet hatte, um die Kalligrafie als universelle, moderne Kunstform auf Augenhöhe mit der westlichen abstrakten Malerei zu etablieren.
Radikale Erneuerung
In der Nachkriegszeit wollte man unter dem Eindruck der Atombomben-Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki eine radikale Erneuerung. Für die Bokujinkai war der Pinsel nicht mehr nur ein Schreibwerkzeug, sondern ein verlängerter Arm, mit dem unter Einsatz des ganzen Körpers geschrieben wurde, oft über auf Papier, das auf dem Boden lag. Um ganze Räume oder riesige Papierbahnen zu füllen, ließen die Künstler statt der üblichen Ziegenhaarpinsel Pinsel aus Palmfasern oder Wildscheinborsten anfertigen, malten mit Pinseln, die so schwer waren, dass sie mit beiden Händen geführt werden mussten oder sogar mit Stroh- oder Reisigbesen.
Die tiefe Bedeutung eines Schriftzeichens
Um 1960 entwickelte Morita seinen eigenen Stil: dynamisch gemalte Zeichen, die in breiten Pinselstrichen explodieren und in Farbspritzern münden. Er begann mit neuen Materialien zu experimentieren, darunter Aluminiumpaste, die auf mehreren Lagen von schwarzem Papier aufgetragen wurde. Die Oberfläche wurde anschließend mit Naturlack überzogen, dessen gelblicher Schimmer den Buchstaben einen goldenen Farbton verlieh. Für Morita bildeten wie auch bei Ki (Baum) (1989) der Inhalt und die tiefe Bedeutung eines Schriftzeichens den Ausgangspunkt, um die Grenzen zwischen Schrift und Bild zu überwinden.
Bild gewordene Schrift
Durch den Einsatz des Körpers wird der Künstler selbst zum Zeichen. Das wird auch in dem Rhythmus seiner Schrift sichtbar, den man erspüren kann. Das Leben des Künstlers und das Schriftzeichen formen sich quasi gemeinsam zu dem, was man auf dem Papier als Schreibkunst erkennen und nacherleben kann. Das ist die „Bewegung der Seele“, von der Morita spricht. Auch wenn die modernen Kalligrafien von Morita oder Yūichi Inoue an Action Painting, Abstrakten Expressionismus oder Informel erinnern mögen, so sind sie doch keine Malerei per se, sondern viel mehr Bild gewordene Schrift.
Audio
Hinweis: Die Audiotranskription ist von einer KI eingesprochen.
Shiryū Morita, KI (JU), 1989
Baum
Aluminiumpaste auf geschichteten Lagen schwarzes Papiers, mit transparentem Lack überzogen
© Morita Estate
Written Art Collection
Weitere Werke aus dieser Ausstellung
Einführung in die Ausstellung
100
Einführung in die Ausstellung
Lawrence Weiner, THE GRACE OF GESTURE, 2010
101
Lawrence Weiner, THE GRACE OF GESTURE, 2010
On Kawara, JUNE 1, 1967, 1967
102
On Kawara, JUNE 1, 1967, 1967
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Karin Sander, wordsearch, 2002
103
Karin Sander, wordsearch, 2002
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Etel Adnan, The Linden Tree Poems, 2019
104
Etel Adnan, The Linden Tree Poems, 2019
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Natalie Czech, A poem by Repetition by Emmett Williams, 2013
105
Natalie Czech, A poem by Repetition by Emmett Williams, 2013
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Herta Müller, Papiercollagen, 2012
106
Herta Müller, Papiercollagen, 2012
Kapitel: wordsearch - Konzept und Poesie
Marcel Dzama, Ulysses, 2009
107
Marcel Dzama, Ulysses, 2009
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Claudia Comte, Cecilia (interview painting), 2021
108
Claudia Comte, Cecilia (interview painting), 2021
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Slavs and Tatars, Molla Nasreddin the antimodern, 2012
109
Slavs and Tatars, Molla Nasreddin the antimodern, 2012
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Yinka Shonibare CBE, The African Library Collection (Poets), 2022
110
Yinka Shonibare CBE, The African Library Collection (Poets), 2022
Kapitel: Ulysses - Narration und Identität
Larissa Fassler, Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked like a racetrack), 2009
111
Larissa Fassler, Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked like a racetrack), 2009
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Joseph Beuys, Initiation Gauloise, 1976
112
Joseph Beuys, Initiation Gauloise, 1976
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Qiu Zhijie, 24 World Maps, 2015-2017
113
Qiu Zhijie, 24 World Maps, 2015-2017
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Agathe Snow, Walls, 2010
114
Agathe Snow, Walls, 2010
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
William Kentridge, Anti-Mercator, 2010-2011 & Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
115
William Kentridge, Anti-Mercator, 2010-2011 & Untitled, Zeichnung für Black Box / Chambre Noire, 2005
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Meschac Gaba, Museum of Contemporary African Art in Berlin, 2014
116
Meschac Gaba, Museum of Contemporary African Art in Berlin, 2014
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Wong Hoy Cheong, Study for Colonies Bite Back, 2001
117
Wong Hoy Cheong, Study for Colonies Bite Back, 2001
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Ellen Gallagher, La Chinoise, 2008
118
Ellen Gallagher, La Chinoise, 2008
Kapitel: Map of Utopia - Geschichte, Kartografie, Weltentwurf
Mounira Al Solh, His Funeral, Our Funeral, Their Funeral, 2023
120
Mounira Al Solh, His Funeral, Our Funeral, Their Funeral, 2023
Kapitel: Home of My Eyes - Heimat und Exil
Shirin Neshat, Home of My Eyes, 2015
121
Shirin Neshat, Home of My Eyes, 2015
Kapitel: Home of My Eyes - Heimat und Exil
Viviane Sassen, Code/Blue, 2019
122
Viviane Sassen, Code/Blue, 2019
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Jenny Holzer, Redaction Paintings, 2005-2008
123
Jenny Holzer, Redaction Paintings, 2005-2008
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Osman Bozkurt, Marks of Democracy / Portraits of the Voters, 2002
124
Osman Bozkurt, Marks of Democracy / Portraits of the Voters, 2002
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Annette Kelm, Jeans Buttons, 2023
125
Annette Kelm, Jeans Buttons, 2023
Kapitel: Small Right Hand Down - Demokratie und Freiheit
Mounira Al Solh, Sama'/Ma'as (Ba'ath), 2014
126
Mounira Al Solh, Sama'/Ma'as (Ba'ath), 2014
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Charles Hossein Zenderoudi, Chucavira, 1985
127
Charles Hossein Zenderoudi, Chucavira, 1985
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Siah Armajani, Panje Tan, 1960
128
Siah Armajani, Panje Tan, 1960
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Ahmed Mater, Sajdah Illumination, 2009
130
Ahmed Mater, Sajdah Illumination, 2009
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Imi Knoebel, Bleistiftzeichnung, o.T., 1972
131
Imi Knoebel, Bleistiftzeichnung, o.T., 1972
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Yūichi Inoue, TORI, 1976
132
Yūichi Inoue, TORI, 1976
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Yang Jiechang, 100 Layers of Ink, 1992-1994
133
Yang Jiechang, 100 Layers of Ink, 1992-1994
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre
Rebecca Horn, Seelenfenster (Painting with Sculpture “Zimbel Zen”), 2012
134
Rebecca Horn, Seelenfenster (Painting with Sculpture “Zimbel Zen”), 2012
Kapitel: Seelenfenster - Geste, Bewegung, Chiffre